Von der Nachkriegsordnung zur neuen Machtpolitik: Europa und die Illusion der Stabilität: Eine historische Fehlerbilanz
Die heutige strategische Schwäche der Europäischen Union gegenüber einer zunehmend machtpolitisch agierenden Welt ist nicht das Ergebnis eines einzelnen Fehlers, sondern einer Abfolge von Fehlannahmen, Versäumnissen und unterlassenen Kurskorrekturen. Eine chronologische Betrachtung macht sichtbar, wie sich diese Entwicklungen über Jahrzehnte aufgebaut haben.
Phase 1: Nachkriegszeit bis Ende des Kalten Krieges
Fehler: Auslagerung strategischer Verantwortung
Nach 1945 konzentrierte sich Westeuropa bewusst auf wirtschaftliche Integration und politische Stabilisierung. Sicherheit und geopolitische Ordnung wurden weitgehend an die USA delegiert. Diese Arbeitsteilung war kurzfristig erfolgreich, führte jedoch langfristig zu einer strukturellen Abhängigkeit. Europa entwickelte keine eigenständige strategische Kultur und verinnerlichte die Vorstellung, geopolitische Machtpolitik sei überwunden.
Phase 2: 1990er-Jahre
Fehler: Illusion des „Endes der Geschichte“
Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion entstand die Überzeugung, dass liberale Demokratie, Freihandel und Multilateralismus universell und dauerhaft seien. Die EU setzte auf Erweiterung und Normexport, ohne parallel ihre sicherheits- und machtpolitischen Fähigkeiten auszubauen. Militärische Fähigkeiten, Rohstoffsicherung und strategische Einflusszonen galten als sekundär oder sogar anachronistisch.
Phase 3: 2000–2008
Fehler: Wirtschaftliche Globalisierung ohne strategische Absicherung
In den frühen 2000er-Jahren profitierte Europa stark von Globalisierung und offenen Märkten. Dabei versäumte es die EU, wirtschaftliche Abhängigkeiten als strategisches Risiko zu begreifen. Lieferketten, Energieversorgung und Schlüsselindustrien wurden nicht ausreichend abgesichert. Gleichzeitig blieb eine gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik institutionell schwach.
Phase 4: 2008–2014
Fehler: Fokus auf interne Krisen statt externe Machtverschiebungen
Die Finanz- und Eurokrise band politische Aufmerksamkeit und Ressourcen. Außenpolitische Ambitionen traten in den Hintergrund. Während andere Großmächte ihre geopolitischen Positionen ausbauten, war Europa vor allem mit sich selbst beschäftigt. Die Fähigkeit, auf systemische Veränderungen der Weltordnung zu reagieren, nahm weiter ab.
Phase 5: 2014–2019
Fehler: Unterschätzung der Rückkehr der Großmachtpolitik
Spätestens mit der zunehmenden strategischen Konkurrenz zwischen Großmächten hätte Europa seine Grundannahmen über internationale Stabilität überdenken müssen. Stattdessen hielt die EU an einem regelbasierten Ideal fest, ohne über ausreichende Mittel zu dessen Durchsetzung zu verfügen. Machtpolitische Signale – auch aus den USA – wurden als vorübergehende Abweichungen interpretiert, nicht als struktureller Wandel.
Phase 6: Trump-Administration (2017–2021)
Fehler: Reaktives statt strategisches Handeln
Die offene Abkehr der US-Regierung von Multilateralismus, ihre Rhetorik der territorialen Expansion und der aggressive Umgang mit Verbündeten trafen Europa unvorbereitet. Die EU reagierte defensiv und ad hoc, anstatt diese Phase für eine konsequente strategische Emanzipation zu nutzen. Instrumente zur wirtschaftlichen Selbstverteidigung wurden zwar konzipiert, aber nicht politisch durchsetzungsstark verankert.
Phase 7: 2020er-Jahre bis heute
Fehler: Zögerliche Umsetzung eigener Lehren
Zwar erkannte die EU zunehmend ihre strategische Verwundbarkeit und schuf neue Instrumente wie das Anti-Coercion Instrument, doch fehlte bisher der politische Wille zur glaubwürdigen Anwendung – insbesondere gegenüber starken Partnern. Gleichzeitig blieb Europas Rolle in geopolitisch sensiblen Regionen wie der Arktis unterentwickelt, während andere Akteure Fakten schufen.
Schlussfolgerung: Kumulative Fehlentwicklungen statt plötzlicher Krise
Die heutige Lage ist das Resultat einer langfristigen Kette europäischer Fehlentscheidungen: Abhängigkeit statt Autonomie, Normen ohne Machtmittel, Reaktion statt Strategie.
Eine wirkliche Kurskorrektur erfordert nicht nur neue Instrumente, sondern einen mentalen Bruch mit alten Annahmen. Ohne diese Aufarbeitung der eigenen Fehler riskiert Europa, auch in der kommenden Weltordnung eher Objekt fremder Strategien als eigenständiger Akteur zu bleiben.
